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Ein Meer aus Daten: Wie werden Ozeane digitalisiert?

Marispace-X und IONO

1,6 Millionen Tonnen explosives Material liegen am Boden der Nord- und Ostsee. Das entspricht etwas mehr als einem voll beladenen Güterzug, der von Berlin nach Lissabon reicht – meist Weltkriegsmunition, die nach 1945 im Meer verklappt wurde. Das Material stellt eine Gefahr dar: Es rostet langsam durch, setzt Giftstoffe frei und gefährdet die Schifffahrt und Fischerei. Zudem ist es gefährlich, zum Beispiel Offshore Windparks auf dem Meeresboden zu installieren, in dem Explosivstoffe lauern. Das große Problem: Niemand weiß bisher, wo genau dieses Erbe des 2. Weltkrieges liegt. Nur rund 15 der Versenkungsgebiete sind bekannt. Experten vermuten weitere 92 Verdachtsflächen alleine in deutschen Hoheitsgebieten. 

"An unexploded A Mark I - VI mine lays at the bottom of the Baltic Sea.
			
The mine was detected and classified by HMNoS Otra and reacquired and identified by Royal Danish Navy divers as part of the exercise Baltic Operations (BALTOPS) 2019 Mine Warfare Task Group.
			
Photo courtesy of Royal Danish Navy Divers (released)"

Ort: Todendorf, Schleswig-Holstein, Germany

Photo by: Lt. Matthew Stroup, Naval Surface and Mine Warfighting Development Center (SMWDC)
Ein Blindgänger auf dem Grund der Ostsee. Copyright: Lt. Matthew Stroup, Naval Surface and Mine Warfighting Development Center (SMWDC)

Marispace-X: Die Digitalisierung der Meere

Ein Unternehmen aus Kiel hat sich dieser Herausforderung angenommen: north.io, Gewinner des IONOS Sustainability Impact Awards 2023. Dafür hat north.io gemeinsam mit IONOS und weiteren Teilnehmern aus Wirtschaft und Forschung das Projekt Marispace-X ins Leben gerufen. Damit soll ein maritimer Datenraum geschaffen werden. 

Jann Wendt, CEO & Gründer von north.io
Jann Wendt, CEO & Gründer von north.io

Der Ozean – das unbekannte Wesen

Die große Schwierigkeit ist der geringe Kenntnisstand, den wir über Meere generell aufgebaut haben. “Von den Ozeanen wissen wir nur sehr wenig. Nur ein kleiner Prozentteil ist erforscht”, sagt der Gründer von North.io, Jann Wendt, und ergänzt: “Unser Ziel ist es, dass wir diesen Informationsgrad wesentlich erhöhen.” Dabei existieren bereits sehr viele Daten. Diese kommen jedoch aus unterschiedlichen Quellen, die bisher nicht zusammengebracht und verfügbar gemacht wurden: Daten von Satelliten und Wetterstationen, aus Militärarchiven, von Forschungsbojen, Schiffen und vielen Quellen mehr. Einige dieser Daten sind noch auf Papier gebannt. Im Freiburger Militärarchiv zum Beispiel lagern klassische Papierakten, die zusammengerechnet rund 50 Kilometer lang sind. Diese werden zunächst gescannt, bevor sie eine Künstliche Intelligenz analysiert.  

Hinzu kommt, dass die Datengewinnung und -verarbeitung im maritimen Bereich nicht so einfach ist. Gerade Daten, die unter Wasser gewonnen werden, können nur mit geringer Bandbreite kommuniziert werden. Das bedeutet, dass Edge-Computing und Fog-Computing eine große Rolle spielen müssen. Die vor Ort gewonnen Daten werden dann als aggregierte Ergebnisse an Land gebracht – per Seekabel oder sogar über Schiffe, die gezielt die Daten einsammeln. Das macht die Datengewinnung sehr aufwändig und teuer. Bis zu 100.000 Euro kostet ein Schiffseinsatz pro Tag. Das soll Marispace-X ändern.

Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Rostock werden Sensortechnologien befähigt, einen digitalen Zwilling der Unterwasserwelt in Echtzeit zu erfassen und Gaia-X-kompatible Strukturen rund um die Datenerfassung und -verarbeitung (vom Meeresgrund bis zur Cloud) zu entwickeln. Das macht die Datenerfassung einfacher und kostengünstiger. 

Mithilfe der Daten kann dann relativ genau berechnet werden, wo die Munition, die vor mehreren Jahrzehnten im Meer versenkt wurde, heute liegt. Daraufhin können Bergungstrupps losfahren und die Munition gezielt aus dem Meer holen. 

CO2-Speicher Seegraswiesen: Die Regenwälder der Küste

Neben der besseren Identifkation von Munition im Meer ist Marispace-X auch für weitere Use Cases nutzbar. Über die Kombination von Daten aus dem Weltall und dem Meer können Forscher zum Beispiel herausfinden, an welchen Stellen Seegras am besten wächst. Seegras gilt als hervorragender CO2-Speicher – im Vergleich zu den Wäldern an Land speichern Seegraswiesen Kohlenstoff 30 bis 50 Mal schneller im Boden. Kein Wunder, dass sie sich daher als gutes Instrument im Kampf gegen den Klimawandel eignen (mehr bei Helmholz-Klima-Intitiative). Für ein gutes Wachstum brauchen die Pflanzen jedoch sehr spezielle Voraussetzungen: einen bestimmten Salzgehalt, eine passende Wassertiefe, eine bestimmte Trübung des Wassers und nicht zu viele Nährstoffe. Aufgrund der unklaren Datenlage war es bisher jedoch schwierig, die besten Orte für die gezielte Anpflanzung zu identifizieren. Der Datenraum, den Marispace-X aufbaut, soll dabei helfen.

Cloud und Souveränität ist der Schlüssel

Ob Munition im Meer oder der Anbau von Seegras: Wenn verschiedene Daten mehrerer Organisationen über einen internationalen Raum zusammengeführt werden, ist Datensouveränität dabei ganz entscheidend. Das bedeutet, die Teilnehmer des Datenraums entscheiden selbst, wer welche Daten nutzen kann. Nur so werden die verschiedenen Akteure motiviert, sich zu beteiligen. 

Als Konsortialführer von Marispace-X bietet IONOS die sichere und stabile Cloud Computing Infrastruktur.  Auf einer gemeinsamen Speicherplattform wird die Datenflut aus unterschiedlichsten Quellen gespeichert. Die notwendige Rechenleistung sorgt dafür, die gesammelten Daten in speziellen Softwareanwendungen zu verarbeiten und zu analysieren.

Durch das Zusammenspiel von Cloud-Rechenleistung und analytischen Anwendungen lässt sich exakt bestimmen, wo genau sich gefährliche Stoffe befinden und welcher Aufwand zu deren Beseitigung notwendig ist. Das erleichtert enorm, einen neuen Offshore-Windpark zu kalkulieren oder Seekabel zu verlegen.

Auch international hat das Projekt schon für Aufsehen gesorgt. Jann Wendt führt Gespräche mit Interessierten aus aller Welt, denn noch ist die Digitalisierung des Meeres global eine Nische. Potenzial für weitere Skalierung ist also vorhanden.

Wer mehr zu Marispace-X und die Beteiligung von IONOS erfahren möchte, hört in Episode 18 des Podcasts Inside IONOS mit Jann Wendt.

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