Als in den 1970er-Jahren die ersten Forschungsrechner per ARPANET verbunden wurden und Vint Cerf gemeinsam mit Robert Kahn die Grundlagen von TCP/IP entwickelte, ahnte niemand, dass daraus einmal eine globale Infrastruktur mit Milliarden von Nutzerinnen und Nutzern, Geräten und Diensten entstehen würde.
Mit dem Domain Name System (DNS), das Anfang der 1980er-Jahre eingeführt wurde, kam dann eine der wichtigsten Abstraktionsschichten hinzu: Statt kryptischer IP-Adressen konnten Menschen fortan Domains wie ionos.com nutzen – übersetzt und vermittelt durch ein hierarchisches, weltweit verteiltes Namenssystem. Ohne DNS gäbe es heute kein nutzbares Web. Es verbindet Nutzer, Anwendungen, Dienste und heute auch Dinge. Damit ist es der Ausgangspunkt, wenn wir über die Zukunft von DNS sprechen.
Denn das Internet steht nicht still: Neue Protokolle, neue Endgeräte, und weitere technologische Entwicklungen stellen das Namens- und Identitätssystem vor ganz neue Herausforderungen.
Genau hier setzt der Artikel aus dem IEEE-Spectrum „The 7 Phases of the Internet“ von Dr. Mallik Tatipamula (CTO bei Ericsson) und Dr. Vint Cerf (VP & Chief Internet Evangelist bei Google und Mit-Erfinder des Internet) an. Die beiden zeichnen ein Modell von sieben Entwicklungsphasen, die weit über klassische Web-1.0/2.0/3.0-Etiketten hinausgehen. Spannend für alle, die mit Domains arbeiten: Diese Phasen sind additiv, nicht linear. Keine Phase löst die vorige ab; jede ergänzt die bestehende Infrastruktur. Das ist die Brille, durch die wir die Zukunft von DNS hier betrachten.
Vom Ursprung zur Zukunft: DNS durch die sieben Phasen des Internets
Die Idee der sieben Phasen stammt direkt aus dem Beitrag von Tatipamula und Cerf. Sie interpretieren rund 60 Jahre Internetgeschichte – von den 1960ern bis heute – und wagen einen Blick in die kommenden Jahrzehnte. Stark vereinfacht sehen die Phasen wie folgt aus:
Phase 1: Das Internet (seit ca. 1970)
In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren entsteht aus ARPANET und anderen Forschungsnetzen ein „network of networks“. TCP/IP setzt sich 1983 als universeller Standard durch, das Web kommt Anfang der 1990er hinzu.
- DNS wird in dieser Zeit eingeführt und löst das vorherige Hosts-File-Modell ab. Es wird zum Adressbuch des Internet.
Phase 2: Mobile Internet (ab ca. 2000er)
Mit 2G/3G, später 4G und Smartphones ab 2007 wandert das Internet in die Hosentasche. Always-on-Konnektivität, Apps und mobile optimierte Dienste verändern Nutzung und Architektur.
- DNS muss plötzlich noch mehr Anfragen über heterogene Netze verarbeiten, Caching und Anycast werden wichtiger.
- Für viele Anwender ist „Internet“ jetzt gleichbedeutend mit einer mobilen App, die im Hintergrund natürlich weiter DNS nutzt.
Phase 3: Internet of Things (ab ca. 2010er)
Seit den 2010ern kommen Milliarden Sensoren, Maschinen und Embedded Devices dazu: Smart Home, Industrie 4.0, vernetzte Fahrzeuge.
- Leichtgewichtige Protokolle (z. B. MQTT, CoAP) ergänzen HTTP.
- Viele IoT-Geräte sprechen direkte IP-Verbindungen oder nutzen Gateways – aber im Backbone bleibt DNS die zentrale Schicht für Namensauflösung und Service-Discovery.
Phase 4: Internet der KI-Agenten (ab Ende 2020er)
Tatipamula und Cerf sehen die nächsten Jahre als Übergang in ein „Internet der KI-Agenten“: Software-Agenten, KI-Browser, Chatbots und autonome Systeme agieren immer stärker eigenständig, verhandeln, planen und koordinieren sich.
- Erste Vorformen sehen wir heute schon in KI-gestützten Assistenten, KI-Browsern und Agent-Systemen.
- IONOS selbst adressiert diesen Trend etwa mit IONOS GPT und dem AI Model Hub, die KI-Modelle als Services bereitstellen.
Für die Zukunft von DNS bedeutet das: Nicht mehr nur Menschen und klassische Apps nutzen Domains, sondern zunehmend autonome Agenten, die „wissen“ müssen, welchen Endpunkten sie vertrauen können – besonders im Zusammenhang mit den Auswirkungen von KI auf Sichtbarkeit und Suchmechanismen.
Phase 5: Internet der Sinne (2030er?)
In einem Internet der Sinne werden haptische Rückmeldungen, räumliches Audio, AR/VR und perspektivisch weitere Sinneskanäle integriert. Verbindungen müssen extrem latenzarm, hochverfügbar und lokal verankert sein.
DNS nähert sich hier noch stärker dem Edge: Auflösung möglichst nahe am Nutzer, dynamische Zuordnung zu Edge-Knoten und lokalen Zonen.
Phase 6: Ubiquitous Internet (2030er–2040er?)
Tatipamula und Cerf skizzieren eine Welt, in der Konnektivität unabhängig vom Aufenthaltsort selbstverständlich ist – unterstützt durch terrestrische Netze, Satellitenkonstellationen und zukünftige Weltrauminfrastrukturen.
DNS wird in diesem Szenario noch verteilter: Resolver in Flugzeugen, Schiffen, Fahrzeugen oder Off-Grid-Szenarien, kombiniert mit intelligenten Synchronisationsmechanismen, um Konsistenz und Sicherheit zu gewährleisten.
Phase 7: Quantum Internet (ab ca. 2040?)
Das Quanteninternet ist heute noch weitgehend experimentell, aber erste Testnetze existieren bereits. Ziel ist, Quanteninformationen (Qubits) zwischen Knoten zu übertragen und so Anwendungen wie abhörsichere Kommunikation oder verteiltes Quantencomputing zu ermöglichen.
Auch hier braucht es eine klassische Kontroll- und Signalisierungsebene – ein natürlicher Ort, an dem die Zukunft von DNS eine Rolle spielen kann, etwa bei der Verteilung von Policies und Ressourcen-Informationen für Quantenverbindungen.
Zukunft von DNS: Domains als Identitätsschicht für Mensch, Maschine und Agent
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie verändert sich die Zukunft von DNS und der Umgang mit Domains konkret?
Historisch waren Domains vor allem für Menschen gedacht. Heute – und noch stärker in Zukunft – werden Domains zu neutralen Identitätsprimitiven:
- Für Menschen bleiben sie die sichtbare Marke, die E-Mail-Domain, der Einstiegspunkt für Webpräsenz und Kommunikation.
- Für Unternehmen bilden Domains und DNS-Records die Grundlage für professionelles Domain-Management, Multi-Domain-Strategien und Sicherheitsarchitekturen.
- Für Maschinen, IoT-Geräte und KI-Agenten werden Domains zu stabilen Referenzpunkten: Unter einer Domain lassen sich APIs, Dienste, Policies und kryptografische Schlüssel bündeln und über DNS-Records publizieren.
Die Zukunft von DNS ist damit keine reine Namensauflösung mehr, sondern eine Identitätsschicht, die:
- Vertrauenswürdigkeit durch DNSSEC und verwandte Standards absichert.
- Metadaten und Policies transportiert, die Maschinen und Agenten interpretieren können,
- und als Datenquelle für Security, Observability und KI-gestützte Analysen dient.
Wenn Maschinen Domains wählen: Fragen, die die Branche jetzt bewegen
Das Framework von Tatipamula und Cerf wirft aus Sicht der Domain-Branche mehrere Fragen auf. Drei davon lassen sich bereits heute skizzieren.
1. Wie werden KI-Agenten Domain-Identitäten „wählen“ und ihnen vertrauen?
KI-Agenten orientieren sich nicht an Markenästhetik, sondern an maschinell auswertbaren Signalen:
- DNSSEC-signierte Zonen, saubere Zertifikatsketten und konsistente DNS-Records werden zu Basisfaktoren in Agenten-Trust-Modellen.
- Zusätzlich können TXT-, SRV- und andere Records Informationen über Sicherheitsrichtlinien, Kontaktkanäle oder zulässige Nutzungszwecke bereitstellen.
- In komplexen Ökosystemen werden diese Signale mit regulatorischen Anforderungen (z. B. EU-KI-Verordnung, vgl. „Die KI-Verordnung der EU“) kombiniert.
Die Zukunft von DNS bedeutet hier: Domains werden zur maschinenlesbaren Vertrauenseinheit, nicht nur zum menschlich lesbaren Label.
2. Was bedeutet allgegenwärtige Konnektivität für die DNS-Architektur?
Mit einem allgegenwärtigen Internet steigen Anforderungen an Resilienz und Verfügbarkeit:
- DNS-Resolver rücken näher an Endgeräte (Edge-DNS), um Latenzen zu senken und lokale Ausfälle abzufangen.
- Multi-Provider-Setups, Secondary DNS und automatisierte Failover-Strukturen werden Standard.
- Für Betreiber bedeutet das: Professionelles DNS- und Domain-Management wird strategisch – nicht nur operative Pflichtübung.
3. Wie bereiten wir DNS auf ein Quantenzeitalter vor?
Quantenrechner bedrohen auf lange Sicht viele heute genutzte kryptografische Verfahren. Für die Zukunft von DNS heißt das:
- DNSSEC muss auf post-quanten-sichere Signaturalgorithmen vorbereitet werden; Standardisierung und Implementierung laufen bereits auf Protokoll- und Produktseite.
- Betreiber sollten mittel- bis langfristig mit Hybridansätzen rechnen (klassische + PQC-Signaturen) und ihre Prozesse für Key-Rollover und Zonenverwaltung entsprechend anpassen.
- Gleichzeitig könnte DNS als bewährte Kontrollschicht dienen, um Quantenressourcen und -policies in einem gemischten klassischen/quantenbasierten Netz zu referenzieren.
Die Zukunft von DNS als Chance und Verantwortung
Die sieben Phasen des Internet zeigen: Konnektivität wird immer dichter, intelligenter und vielfältiger – vom ursprünglichen Forschungsnetz über Mobile und IoT bis hin zu KI-Agenten, einem Internet der Sinne, allgegenwärtigen Netzen und der Quantenkommunikation der Zukunft.
In all diesen Szenarien bleibt DNS der stille Kern: Es übersetzt Namen in Adressen, macht Identitäten überprüfbar und transportiert sicherheitsrelevante Informationen. Die Zukunft von DNS ist daher sowohl eine enorme Chance für neue Services und Geschäftsmodelle als auch eine klare Verantwortung für Registries, Registrare, Provider und Betreiber von DNS-Infrastrukturen.
Wer heute an Domains, DNS-Architektur und Security arbeitet, gestaltet nicht nur das „Adressbuch des Internet“, sondern den Identitäts- und Vertrauenslayer für ein hypervernetztes, KI-getriebenes und eines Tages quantenfähiges Internet.
Weiterführende Links:
- TCP/IP
- Domain Name System (DNS)
- The 7 Phases of the Internet
- Anycast
- IONOS GPT
- AI Model Hub
- Quanteninformationen (Qubits)
- Was ist eine Domain?
- E-Mail-Domain
- Domain-Management
- DNSSEC
- TXT-Records
- Die KI-Verordnung der EU
- DNS-Resolver
- DNS-Records
- Secondary DNS
- Public-Key-Encryption
- Blog: Domains im Zeitalter der KI: Obsolet – oder strategischer denn je?